
Ob Verliebtheit oder Angst: Alle Emotionen laufen über das Gehirn. Dank neuer technischer Verfahren können Wissenschaftler der Schaltzentrale bei der Arbeit zuschauen und beobachten, wie aus Sinneseindrücken und Erfahrungen Gefühle werden.
Freude und Trauer, Liebe und Hass, Wut und Angst: Gefühle haben die eigentliche Macht darüber, wie wir etwas erleben und wie wir handeln. Vernunft und Verstand prägen das menschliche Verhalten in viel geringerem Ausmaß als wir gemeinhin vermuten.
Aber auch Gefühle sind eng an Strukturen und Vorgänge des Gehirns geknüpft, entstehen in einem unmittelbaren Zusammenspiel mit Denken, Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern. "In den letzten Jahren wurde immer deutlicher, dass diese kognitiven Leistungen nicht von emotionalen Zuständen getrennt werden können", so Prof. Gerhard Roth, Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. "Deshalb interessieren wir uns in der Forschung auch immer mehr für die Frage, wie Emotionen im Gehirn entstehen und wo sie lokalisiert sind."

Gefühle sind das Ergebnis von Erfahrungen. Gefühle sind Zustände, die wir nicht direkt beeinflussen oder steuern können. Dazu gehören neben den oben genannten beispielsweise noch Zorn, Ekel, Begeisterung, sexuelle Erregung, Aggressivität, Angespanntheit, Glück und Furcht. Sie entstehen durch Zusammenwirken bestimmter Bereiche von Hirnstamm, Zwischenhirn und Großhirnrinde, dem so genannten limbischen System (siehe rot markierte Bereiche im Bild).
Gefühle werden überwiegend von Informationen aus der Außenwelt provoziert, welche von den Sinnesorganen des Menschen unablässig gesammelt und weitergegeben werden. "Die Informationen werden zunächst von Augen, Nase, Ohren etc. aufgenommen und über diese ersten Sinneskanäle an das Zwischenhirn weitergegeben, das eine Art Schnittstelle darstellt", erläutert Prof. Frank Schneider, Leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Von hier werden die Sinneseindrücke an weitere Hirnregionen weitergeleitet: an den Hippocampus, der unser Wissensgedächtnis beinhaltet, und an den Mandelkern (Amygdala), der das emotionale Gedächtnis darstellt.
"Alle Sinneseindrücke werden mehrgleisig parallel verarbeitet", so Schneider. Das Gehirn gleicht ständig ab zwischen dem neuen Eindruck und bereits vorhandenen Erfahrungen, sortiert nach gut oder schlecht und bewertet unmittelbar. Schließlich gibt es eine Antwort, die wir als Gefühl erleben.
Am Ende der Reizverarbeitungskette erfolgt im motorischen System der Großhirnrinde der Impuls für ein bestimmtes Verhalten. "Und dann handeln wir. Die letzte Entscheidung fällt aber immer unbewusst, letztendlich verursacht durch die Gefühle", erklärt Hirnforscher Roth.
Das Bewusstsein ist unseren Gefühlen häufig ausgeliefert. Wir wissen nicht, warum wir manche Menschen spontan unsympathisch finden, uns zu anderen aber hingezogen fühlen. Roth: "Wir haben keine direkte Macht über unsere Gefühle. Wir können nur indirekt eingreifen, weil der Einfluss des limbischen Systems auf die Großhirnrinde, den Sitz des Bewusstseins, viel stärker ist als umgekehrt. Unsere Gefühle sind Kurzmitteilungen unseres gesamten Erfahrungsschatzes."
Damit das Gehirn einen Reiz verarbeiten kann, laufen an den Kontaktstellen (Synapsen) des weit verzweigten Netzes von Nervenzellen eine Vielzahl neurochemischer und elektrophysiologischer Prozesse ab. Alle Funktionen des Gehirns beruhen auf diesen Netzwerkfunktionen. "Wenn wir etwas tun, dann deshalb, weil bestimmte Nervenzellen miteinander verknüpft sind. Wenn wir Erfahrungen machen, dann kommt es zu Veränderungen der synaptischen Kopplung", sagt Roth. Dabei spielen Hormone und Botenstoffe eine wichtige Rolle. Sie werden vor allem im Hirnstamm produziert und von dort in die bewusstseinsfähige Großhirnrinde transportiert.
Jedes Gefühl wird von Hormonen oder Botenstoffen erzeugt !
Die Forschergruppe interessiert vor allem, wo unterschiedliche Gefühle im Gehirn lokalisiert sind. Prof. Frank Schneider, Psychiater und Psychologe, Universität Düsseldorf: "Jede Region im Gehirn hat eine bestimmte Aufgabe. Auch am emotionalen Erleben und Verhalten sind spezifische Areale beteiligt."
Auch psychische Krankheiten sind vermutlich Gefühlsstörungen !
Treten Irritationen in den Verschaltungskreisen auf, so kann sich das in psychischen Störungen niederschlagen. Professor Schneider und seine Kollegen von der Universität Düsseldorf untersuchen das emotionale Verhalten von Patienten, die unter Schizophrenie, Ängsten oder Alkoholabhängigkeit leiden. "Es gibt keine psychiatrische Erkrankung ohne emotionale Störung", lautet das Fazit der Experten. "Wir wollen wissen, woher diese emotionalen Störungen kommen."
Die Forscher erhoffen sich von ihren Untersuchungen Aufschlüsse über die Ursachen psychischer Krankheiten sowie die Verbesserung der psychotherapeutischen und medikamentösen Therapie. Für ihre Experimente nutzen sie die funktionelle Kernspintomographie (fMRT), ein Verfahren, das Bilder vom lebenden Hirn liefert. Mit Hilfe dieser Momentaufnahmen dokumentieren, kontrollieren und modifizieren die Wissenschaftler den Therapieverlauf.
So konnte das Forscherteam um Prof. Schneider belegen, dass bei Alkoholkranken - anders als bei Gesunden - spezifische, mit Gefühlen verknüpfte, Hirnareale stimuliert werden, wenn sie mit alkoholischen Duftreizen konfrontiert werden. Das Verlangen nach Alkohol zeigte sich darin, dass die Amygdala deutlich aktiviert wurde. Nach einer dreiwöchigen Therapie (Verhaltenstherapie plus Medikamente) führten die Forscher die Messung nochmals durch: Die Auffälligkeiten ließen sich nicht mehr nachweisen. Die Behandlung schien also erfolgreich zu sein, was die Vermutung der Forscher stützt, dass sich emotionale Aspekte des Suchtverlangens in einer spezifischen Aktivierung des Mandelkerns widerspiegeln.
Ist ein Mensch verliebt, zornig oder erregt, dann schlägt auch das sich in einer erhöhten Aktivität des Gehirns nieder, die sich mittels funktioneller Kernspintomographie messen lässt. "Wir versetzen die Patienten und gesunde Vergleichspersonen experimentell in verschiedene emotionale Bedingungen, zum Beispiel, indem wir Bilder mit traurigen Gesichtern zeigen oder mit Düften wie vergorener Hefe stimulieren", schildert Schneider. "Was wir dann sehen, ist hauptsächlich eine Aktivierung der Hauptregion der Amygdala", sagt der Psychiater und Psychologe.
Generell lassen sich Angst und Trauer im Experiment leichter provozieren als Glück. "Das angeborene Verhaltensrepertoire auf negative Reize ist impulsiver und durchdringender." Die Amygdala, eine sehr alte Hirnregion, repräsentiert vor allem diese negativen Affekte.
"Wären wir allein vom Verstand und der Vernunft gesteuert,
dann hätten wir keinen Zugriff auf unsere Erfahrungen und würden groteske Fehler
begehen", umschreibt Prof. Roth die Bedeutung des Mandelkerns. Er verweist auf die
Urbach-Wiethe-Krankheit, eine sehr seltene Erkrankung, von der weltweit kaum mehr als zehn
Patienten bekannt sind. Bei diesen Patienten ist der Mandelkern durch ein Virus
zerstört. "Diese Patienten haben keine Gefühle mehr", resümiert Roth.
"Sie können zwar denken, tun aber völlig falsche Dinge, weil sie aus ihrem
Verhalten nicht lernen." Sie können sich so oft an einer heißen Herdplatte
verbrennen wie sie wollen, sie werden trotzdem immer wieder darauf langen.
Auch bei schizophrenen Patienten reagiert die Amygdala anders als bei Gesunden.
Patienten, die experimentell in einen traurigen Zustand versetzt werden, können zwar wie
Gesunde die unterschiedlichen Stimmungen registrieren, aber die Amygdala reagiert
nicht, obwohl die Patienten etwas als freudig oder traurig erleben. Die
Wissenschaftler werten dies als deutlichen Hinweis darauf, dass Schizophrenie eine
Hirnerkrankung ist. "Die Hirnstruktur und die Hirnfunktion sind anders. Zum Beispiel
ist der Hippocampus bei schizophrenen Patienten kleiner", so Prof.
Schneider. Und das beeinträchtigt die Gedächtnisfunktion. "Schizophrene Patienten
können Gedächtnisinhalte schlechter abspeichern und vergessen auch schneller",
weiß Schneider. Das erschwert wiederum den Abgleich von Sinneseindrücken und
Erfahrungswerten, der beim Entstehen von Gefühlen eine wichtige Rolle spielt.
Dass auch Angsterkrankungen hirnbiologisch verankert sind, ergab eine weitere Untersuchung Schneiders an Patienten mit einer sozialen Phobie. "Bei ihnen funktioniert das Wechselspiel zwischen Vorderhirn und Amygdala anders als bei Gesunden. Das führt dazu, dass sie aus einer Umwelt, die sie eigentlich wahrnehmen wie alle anderen, die angstbesetzten und angstrelevanten Dinge herausfiltern."
Die moderne Hirnforschung zeigt ganz deutlich, dass alle Aspekte unserer Individualität, auch unser Gefühlsleben, in der Struktur der Nervenzellen unseres Gehirns gespeichert sind ! Es ist also vollkommen ausreichend, sein Gehirn nach dem Tod kryonisch zu konservieren. Wird es in der Zukunft reanimiert, dann sind tatsächlich alle Bereiche der Individualität wieder vorhanden, und wir werden unsere ganze Identität wiedererlangt haben !
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