20.04.1998 fachp34

Zur Hannover Messe '98:

Sparte Industries: So alt wie die Mark und bereit für den Euro: Münzplättchen von Krupp VDM

Wenn die Hannover Messe `98 am 25. April ihre Tore schließt, dauert es noch genau eine Woche bis zur offiziellen Bekanntgabe der Teilnehmerländer an der Europäischen Währungsunion. Überall in Europa laufen die Vorbereitungen für die Währungsumstellung. Auch die Krupp VDM GmbH bereitet sich auf den Euro vor. Allerdings geht es hier nicht nur um Umstellungen in der EDV oder beim Rechnungswesen, sondern auch um echte Hardware:

Das Unternehmen ist mit einer Produktionskapazität von monatlich mehreren hundert Millionen Stück einer der fünf größten Hersteller von Münzrohlingen weltweit. Es gehört zum Kreis der Produzenten, die von der zuständigen EU-Kommission bei der Materialauswahl für die neuen europäischen Münzen einbezogen wurden, und es wird aller Voraussicht nach dabei mithelfen, die Teilnehmerländer der europäischen Währungsunion mit dem nötigen Kleingeld auszustatten. Dabei geht es um einen Erstbedarf von 250.000 Tonnen Münzen. Gut drei Jahre lang werden die europäische Münzplättchenindustrie und die Prägeanstalten auf Vorrat produzieren, damit pünktlich zum 1. Januar 2002 ausreichend Geldstücke in Umlauf gebracht werden können.

Die Krupp VDM GmbH hat Erfahrung mit derartigen historisch einmaligen Situationen. Münzplättchen dieses Unternehmens gibt es nämlich schon seit es die Mark gibt: Am 9. Juli 1873, zwei Jahre nach der Reichsgründung, legte ein neues Münzgesetz fest, daß die in deutschen Landen geltende Währungseinheit fortan die Mark zu 100 Pfennigen sei. Mehr als 100 verschiedene Münztypen wurden damals außer Kraft gesetzt.

Erstmals ließen die staatlichen Stellen in Deutschland Kupfernickel als Münzwerkstoff zu. Dieses Material lieferte von Anfang an die deutsche Nickelindustrie, zu der auch die in Altena ansässige Firma Basse & Selve gehörte. Das Unternehmen war der Rechtsvorgänger der Vereinigte Deutsche Metallwerke AG, die heute als Krupp VDM GmbH mit Sitz in Werdohl und Unternehmensstandorten in Altena, Bärenstein und Unna ein Unternehmen der Sparte Industries des Krupp-Konzerns ist. Münzplättchen fertigt das Unternehmen heute in Werdohl.

Die Kundenliste des Geschäftsbereichs Münzen der Krupp VDM GmbH reicht von A wie Algerien bis Z wie Zambia, die Reihe der auf VDM-Rohlingen geprägten Währungen reicht von Agorot bis Zloty. Über 60 Prozent der Produktion gehen in den Export, weltweit beliefert VDM mehr als 50 Länder, darunter alle voraussichtlichen Teilnehmerländer der europäischen Währungsunion. Auch die Philippinen, diesjähriges Partnerland der Hannover Messe, prägen ihren Peso auf Münzplättchen aus Werdohl. Neben Rohlingen liefert Krupp VDM an Länder ohne eigene Münzprägeanstalten in Zusammenarbeit mit den deutschen Prägeanstalten auch fertig geprägte Münzen.

Das Unternehmen aus dem Sauerland hat in der Vergangenheit mit verschiedenen Innovationen Münzgeschichte geschrieben. Solche Neuerungen finden häufig aus Kostengründen statt, damit der Nennwert einer Münze nicht hinter ihrem Materialwert zurückbleibt. Die erstmalige Zulassung von Kupfernickel als Münzmaterial im Jahre 1873 ist hierfür ein frühes Beispiel: Silber wäre für die damals neu eingeführten Fünf- und Zehnpfennigmünzen ganz einfach zu teuer gewesen. Die neue Legierung mit einem Anteil von 75 Prozent Kupfer und 25 Prozent Nickel, mit ihrer weißen Farbe dem Silber sehr ähnlich, ähnlich gut zu prägen, aber wesentlich preiswerter, entpuppte sich schnell als echter Renner im Münzwesen. Noch heute wird die weit überwiegende Zahl der weltweit gebräuchlichen Münzwerte auf Kupfernickel geprägt.

Kostengründe waren auch für den Erfolg der Münzwerkstoffes plattierter Stahl, der ersten echten VDM-Innovation im Münzwesen, ausschlaggebend. Der Werkstoff, bei dem ein Stahlkern mit einer Beschichtung aus Kupfer oder Messing versehen wird, wurde erstmals 1943 für die rümänische 100 Lei-Münze verwendet. 1948 kam der plattierte Stahl für die deutschen 1, 5 und 10 Pfennig-Stücke zum Einsatz und heute sind diese Rohlinge unter anderem in Deutschland als kupfer- und messingplattierte 1-, 2-, 5- und 10 Pfennig-Stücke im Gebrauch. Die nächste Münz-Innovation von VDM fand 1969 statt, als deutsche 5 Mark-Münzen erstmals aus Magnimat® gefertigt wurden. Das dreischichtige Material, bei dem Kupfernickel auf einen Nickelkern walzplattiert wird, brachte das Münzwesen gleich in zweifacher Hinsicht voran: Magnimat® ist nicht nur preiswerter als das bis dahin verwendete Silber, es verleiht den Münzen auch ein Höchstmaß an Automatensicherheit.

Automaten prüfen die Echtheit einer Münze anhand ihres Volumens, ihrer Abmessungen sowie der elektrischen und magnetischen Eigenschaften. Je größer die Anzahl der prüfbaren Merkmale einer Münze ist, desto größer ist ihre Automatensicherheit. Durch den dreischichtigen Aufbau des Magnimat®, bei dem die Dicke wie auch die Abfolge der Schichten variiert werden kann, ergibt sich eine große Zahl individuell prüfbarer Merkmale und Merkmalskombinationen hinsichtlich Volumen, elektrischer Leitfähigkeit oder Magnetisierbarkeit. Entsprechend sicherer kann zwischen einer gültigen Münze, einer illegalen Nachprägung oder einer Münze einer fremden Währung, die zufällig das gleiche Volumen und den gleichen Durchmesser hat wie das eigentlich gültige Geldstück, unterschieden werden.

Ein weiterer Meilenstein des Münzwesens mit VDM-Beteiligung wird das fünfzigste Jubiläum der D-Mark im Juni 1998 sein. Für die zu diesem Anlaß herausgegebene Sondermünze im Wert von zehn Mark wird Krupp VDM ebenfalls Rohlinge liefern.

Die Herstellung von Münzplättchen ist Präzisionsarbeit unter erhöhten Sicherheitsbedingungen: Weil sich Groschengräber und einarmige Banditen nur für die physikalischen Eigenschaften des Münzplättchens interessieren und nicht dafür, ob der Bundesadler gut getroffen ist, sind die Münzrohlinge von Krupp VDM auch ungeprägt so gut wie echtes Geld. In die Produktionshallen gelangt man deshalb nur mit Hilfe einer personalisierten elektromagnetischen Eintrittskarte, die Notausgänge sind videoüberwacht und jeder, der den Bereich verläßt, muß mit unangekündigten, nach Zufallsprinzip durchgeführten Leibesvisitationen rechnen.

Die Präzisionsarbeit beginnt bereits beim Erschmelzen der Werkstoffe. Zum Schutz gegen Fälschungen lassen die Normen für die chemische Zusammensetzung eines Münzwerkstoffes nur sehr geringe Abweichungen zu. Auch beim Walzen der Bänder, aus dem die Rohlinge anschließend gestanzt werden, kommt es auf Genauigkeit an, denn das Gewicht einer Münze hängt von der Walzdicke der Stanzbänder ab.

Nach dem Stanzen erhalten die Münzplättchen einen Rand, der später das Prägebild gegen Beschädigung und Abnutzung schützen soll. Den richtigen Härtegrad für die Prägung entwickeln die Plättchen in einer Glühbehandlung, anschließend werden sie gewaschen, naßpoliert mit Gleit- und Konservierungsmitteln versehen, getrocknet und trockenpoliert, um zuletzt optisch auf eventuell noch vorhandene Fehler geprüft zu werden. Besondere Sorgfalt erfordert die Herstellung sogenannter Bicolor- oder Duplex-Münzen, bei denen Zentrum und Rand aus verschiedenfarbigen Materialien bestehen. Bei der Herstellung werden der Ring und das "Pille" genannte Mittelstück unabhängig voneinander gestanzt, in der fertigen Münze müssen beide dicht und dauerhaft zusammenpassen.

Hohe Anforderungen an die Maßhaltigkeit und die Oberflächengüte von Münzplättchen stellt nicht zuletzt die heute in den Prägestätten verwendete Technologie. Hier arbeiten schnellaufende Pressen, die mehr als 750 Münzen pro Minute auf beiden Seiten mit dem Prägebild versehen. Maßabweichungen würden zum sofortigen Stillstand der hochempfindlichen Maschinen führen und die teuren Prägewerkzeuge zerstören.

Die große Sorgfalt bei der Legierung und der Verarbeitung machen Münzplättchen zu ausgesprochen langlebigen Wirtschaftsgütern, die je nach verwendetem Werkstoff durchschnittlich bis zu 50 oder sogar bis zu 100 Jahren halten können. Dafür, daß es dennoch steten Bedarf gibt, sorgen sowohl volkswirtschaftliche Mechanismen als auch allzumenschliche Gewohnheiten: So lassen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum die benötigte Geldmenge ansteigen, Inflation zwingt dazu, Münzen mit niedrigem Nominalwert abzuschaffen und das Münzsystem nach oben hin zu erweitern. Urlaubsländer leiden unter stetem Hartgeldschwund, weil die Gäste Münzen mit nach Hause nehmen und auch die heimische Spardose entzieht dem Zahlungsverkehr das Kleingeld. Bedarf an neuen Münzen entsteht beispielsweise auch dann, wenn verstorbene Politiker oder frisch inthronisierte Monarchen durch eine Münze mit ihrem Konterfei geehrt werden.

Wer sich angesichts politischer Veränderungen oder anderer Notwendigkeiten vor die Aufgabe gestellt sieht, eine neue Münze oder ein ganz neues Münzsystem einzuführen, kann sich auch hierbei auf Krupp VDM verlassen. Das Unternehmen berät bei Ergänzungen und Erneuerungen bestehender Münzsysteme, liefert Gestaltungsideen für neue Geldstücke und berät natürlich auch bei der Legierungsauswahl. Als wichtigstes Instrument für diese Art von Dienstleistung führt Krupp VDM eine der umfangreichsten verfügbaren Listen über Legierungen, Durchmesser und Stückgewichte weltweit gebräuchlicher Geldstücke. Die Ansprüche an das Hartgeld, die die Kunden bei diesen Gelegenheiten formulieren, gehen weit über die rein funktionalen Aspekte hinaus: Münzen müssen nicht nur langlebig, gut prägbar und automatensicher sein, sie sollen sich auch gut anfühlen und optisch etwas hermachen. Besonders wichtig: Münzen dürfen nicht zu leicht sein. Vertrauen in eine Währung ist eben auch eine Frage der Psychologie.

Angesichts der komplexen Anforderungen an Struktur, Gestalt und Beschaffenheit eines Münzsystems wird nachvollziehbar, warum Vorarbeiten und Entscheidungsfindung für das neue europäische Münzsystem rund sechs Jahre gedauert haben. Das am 20. Dezember 1997 veröffentlichte Ergebnis ist ein System mit sechs Münzen im Wert von 1, 2, 5, 10, 20 und 50 Eurocent sowie einer 1 Euro und einer 2 Euro-Münze mit jeweils einer europäischen und einer nationalen Seite. Die Durchmesser der Münzen steigen von 16,25 Millimeter (1 Eurocent) bis auf 25,25 Millimeter (2 Euro) an, das Gewicht von 2,2, Gramm bis 8,5 Gramm.

Bei der Materialauswahl sind auch die beiden VDM-Erfindungen zum Zuge gekommen: Die 1, 2 und 5 Eurocent-Stücke werden auf kupferplattiertem Stahl geprägt, die 1 und 2 Euro-Münzen sind Bicolor-Münzen, deren Kern aus dem Dreischicht-Werkstoff Magnimat besteht. Die Farbstellung der zweifarbigen Geldstücke: Bei der 1 Euro Münze besteht der Ring aus Nickel-Messing und ist gelb, während das dreischichtige Zentrum aus Kupfernickel mit einem Nickelkern weiß aussieht. Bei der 2 Euro-Münze besteht der Ring aus weißem Kupfernickel und Zentrum aus Nickel-Messing, ebenfalls mit Nickelkern. Die 10, 20 und 50 Eurocent-Stücke werden aus einer Nordisches Gold genannten Kupfer-Zink-Zinnlegierung bestehen, wobei das 20 Eurocent-Stück zur besseren Unterscheidung eine Randkerbung erhält. Die für die neuen Münzen benötigten Materialien und Fertigungseinrichtungen stehen bei Krupp VDM zur Verfügung - heute wie vor 125 Jahren.

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