Ein brisantes Thema, Diskussionen um die Frage nach amerikanischen oder deutschen Verhältnissen, eine Oscar-Nominierung für den Hauptdarsteller Edward Norton und die Bewertungen der internationalen Filmkritik haben "American History X" zu einem oft genannten Film gemacht.


DER GANG DER HANDLUNG

 

Derek Vinyard ist eine Ikone der amerikanischen White-Power-Bewegung. Als er wegen Mordes an drei Schwarzen ins Gefängnis geht, beginnt sein kleinerer Bruder, der 16-jährige Danny, ihm nachzueifern und wird zum Skinhead. An dem Tag, als Derek aus der Haft entlassen wird, erhält Danny eine Strafarbeit in der Schule, in der er den "Werdegang" seines Bruders in der rechtsradikalen Szene und dessen Motive reflektieren soll.

Was Danny nicht weiß: Derek hat im Gefängnis dem Rassismus und der Gewalt abgeschworen. Schließlich kann er auch seinen Bruder von der Sinnlosigkeit von Gewalt und Hass überzeugen. Als Danny am nächsten Tag mit der fertigen Strafarbeit in die Schule kommt, kommt es zur absoluten Katastrophe.
 

DER FILMISCHE HINTERGRUND

"American History X" ist ein Film über Rechtsextremismus in Amerika, über Rassismus, die White-Power-Bewegung, über Gruppendynamik und zuletzt auch über eine Arbeiterfamilie. Der Film versucht Aufschluss über die subtilen Wurzeln des Rassismus, wie sie in der Umwelt und der Familie liegen, zu geben und thematisiert zugleich die Abkehr von Gewalt.

Rassenkonflikte sind gerade in den USA Teil der Realität und sowohl auf der Straße als auch im politischen Leben ein Thema. So beruhen die im Film von Derek aufgeführten Argumente zum Kampf gegen Schwarze, Asiaten und Hispanisten auf Reden des kalifornischen Gouverneurs Pete Wilson.

Dem Mitläufertum wird vor allem durch die Person des Danny Rechnung getragen, der von dem Wunsch, es seinem Bruder gleichzutun, getrieben wird. Besonders orientierungslose und verunsicherte Jugendliche möchten sich einer Gemeinschaft zugehörig fühlen und finden häufig auf ihrer Suche nach Identität den Einstieg in die rechtsradikale Szene. Auch diesen Prozess führt der Film vor Augen.


DER HISTORISCHE ANSATZ

Schon der Filmtitel macht klar, dass es nicht um deutsche Verhältnisse geht. Ein Vergleich zu neofaschistischen Tendenzen in Deutschland bietet sich jedoch dann an, wenn allgemeine Strukturen wie Gruppenzwang, Entstehung von Vorurteilen, Fremdenangst oder Frustrationsverhalten und Identitätsprobleme in den Blick rücken.

Da Amerika anders als Deutschland seit jeher ein Einwanderungsland ist, können dortige Probleme nicht mit deutschen gleichgesetzt werden. Dies macht z.B. der Fall Rodney King ganz deutlich: 1991 hatten vier US-Polizisten einen schwarzen Verkehrssünder schwer verletzt und waren trotz eines Beweisfilms von der ausschließlich von Weißen besetzten Jury freigesprochen worden.

Die Furcht vor Überfremdung ist auch in Deutschland oftmals der Nährboden für Rassismus, unanhängig davon, ob dieser Schwarze oder Türken trifft. Eine unzureichende Bildung, Kommunikationsdefizite innerhalb der Familien, überforderte ErzieherInnen und eine zunehmende Aggressionsbereitschaft verschärfen das Problem des jugendlichen Rechtsradikalismus auch bei uns zusehends.

Die Geschichte der Vinyard-Brüder stellt daher nicht allein die Situation in den USA dar, sondern bietet auch für die deutschen Verhältnisse viele Anknüpfungspunkte. "American History X" vertritt die Ansicht, dass Hass, weil er anerzogen wird, auch wieder verlernt werden kann und die Möglichkeit gegeben ist, sukzessive ein differenzierteres Weltbild zu entwickeln.

Dass die Abkehr von Gewalt jedoch nicht automatisch alles zum Guten wendet, zeigt das Filmende. Das multikulturelle Miteinander ist in Amerika wie in Deutschland ein zu komplexes Thema, als dass der Lernprozess einiger weniger Mord und Totschlag verhindern könnte.


EROS DER GEWALT
 
Neonazis als (geläuterte) Helden: ,,American History X." von Tony Kaye
 

 

Regisseur Tony Kaye hat schon vor dem Start des von ihm ungeliebten Film-Erstlings gewonnen. Der “Dialog über den Rassismus", den er anstoßen wollte, ist in Gang, wenn auch anders als geplant. Einerseits in den USA wo Kaye wegen Nicht-Beteiligung an der endgültigen Schnittfassung versuchte, seinen Namen als Regisseur aus dem Film herauszuklagen. Und auch hierzulande, spätestens seit Kayes furios inszenierten Protestauftritten vor europäischer Presse. Wenig verwunderlich, daß er Probleme hatte; bezichtigt man den jüdischen Werbefilmstar aus England, der sich in Kunst und im Beruf seit Jahren politisch engagiert, doch der Ästhetisierung des Faschismus.

Ob der Film nun ein “recht widerliches Machwerk ist” wie die “Berliner Zeitung" befand, oder “ein guter, wenn auch kein sehr guter Film" (Tony Kaye) - es kommt darauf an, was man von Filmen erwartet: ob sie für einen denken sollen oder eher zum eigenen Denken anregen sollen.

Die unfreiwillige Ironie von "American History X" liegt darin, daß er wie ein Fixierbild zwei entgegengesetzte Eindrücke erzeugen kann. Geht man von der Handlung aus, so ist es ein Film um jugendliche Neonazis in den USA, deren charismatische Hauptfigur Derek (Edward Norton) im Gefängnis eine Wandlung durchmacht und als guter Mensch nach der Entlassung die Umgebung in Person des kleinen Bruders Danny (Edward Furlong) zu bekehren versucht. Ein lupenreiner Antifaschismusfilm also, mit moralischem Zeigefinger.

Doch verschiebt sich die Betrachtung nur um ein Winziges, so steht es plötzlich umgekehrt. Der rechtsradikale Held ist selbst als mordende Bestie voller Appeal und heldischer Ausstrahlung, die Glatzen und Hakenkreuze und die Reichskriegsflaggen leuchten, und die jungen Schwarzen - ja: sie foulen, stehlen und morden. Insofern scheint der Film auch eine astreine Apologie der ,,White-Power-Bewegung" zu sein, der die Notwendigkeit der organisierten Verteidigung der Weißen im Bandenkrieg in Venice Beach, Los Angeles rechtfertigt.

 

Den Rahmen hierfür bildet eine Familiengeschichte, in der sämtliche Nebendarsteller, darunter Beverly d'Angelo als Mutter und Elliott Gould als ihr jüdischer Freund, exzellent agieren. Hauptfigur Derek wurde zum Neonazi, weil sein Vater bei einem Feuerwehreinsatz, den Schwarze auslösten, ums Leben kam - und weil dieser Vater, beruflich frustriert, schon früh am Familientisch polemisiert hatte: gegen einen Liberalismus, der Farbige per Quote bevorteilt, wo von sich Weiße, zumindest der Unter- und Mittelschicht bedroht fühlen. Dereks kleiner Bruder Danny (Edward Furlong) wiederum, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt ist, wird Skinhead, weil er den Älteren bewundern. Dieser Danny bekommt von seinem farbigen Lehrer Sweeney (Aveiy Brooks) die Aufgabe, einen Aufsatz über Derek zu schreiben, der just an diesem Tag aus dem Gefängnis entlassen wird.

Zwei parallele Ereignisstränge: Dereks Bemühungen, Danny von jener Skinhead-Gang loszueisen, in die er ihn Jahre zuvor gebracht hatte. Und Dannys Grübeln vor dem Computer in Sachen Aufsatz, das in Rückblenden zu eben jenen Ereignissen führt, die den Haß mit begründeten. Etwa das Basketballspiel: Schwarze gegen Weiße, wobei die Schwarzen foulen und Dereks Messias-gleiches Eingreifen das Blatt wendet. Diese Szene, wie alle Rückblenden in schwarz-weiß gehalten, ist nicht nur wegen ihres ästhetisierenden Pathos ein Stein des Anstoßes dieses Films. Regisseur und Kameramann Tony Kaye zitieren hier die Ästhetik Leni Riefenstahls, Körper von unten gen Himmel abgelichtet, in Zeitlupe agierend, mit glänzender Schweißperle auf dem Schädel: ein Eros der Gewalt, der faschistoiden Körperkultur. Und der einstmals schmächtige Edward Norton ("Zwielicht") agiert glänzend als muskelbepackter Held, dessen breite Brust ein eintätowiertes Hakenkreuz ziert.

 

Kein Zweifel, Kaye und Norton arbeiten sich im Film zunächst kongenial in die Hände, wenn sie den erotischen Aspekt des Faschismus mit seinen puren Macht- und Sexsymbolen herausarbeiten. Noch eindeutiger geschieht das eingangs in der Mordszene: wo Norton erst mit seiner Freundin schläft (Falrun Balk) und dann halbnackt drei schwarze Autodiebe abschlachtet - ein Wahnsinniger, begleitet von sakralen Chören, ästhetisch überhöht und heroisiert. Die Tat wirkt noch grausamer als im Kino gewohnt, weil Tony Kaye, von Preisen überhäufter Werbefilmer, (Nike, Volvo) ein genialer Kameramann ist und der seiner eigenen Genialität ungern zu widerstehen vermag.

“Erliegt" der Film darum jener Faszination, die er bekämpft - wie ihm vorgeworfen wird? Ist er eben vor allem darum unverantwortlich, weil er alle Seiten zeigt?

So stellt es sich dar, wenn man “Film” als pädagogisch eindeutige Erziehungsmaßnahme sieht, der die Realität handlich zurüsten soll. Dieser Film jedoch bildet die Realität ab, indem er ihr Doppelgesicht ins Unerträgliche überreizt. Der Welt ist das Gute und das Schlechte nicht eingeschrieben, sondern sie enthält nur beides in schwer erträglicher Vermischung. Kaye zeigt diese Ambivalenz, indem er sie im Zuschauer weckt. Das ist die Strategie der Kunst: Sie verrückt Perspektiven. Der Film nimmt passagenweise die Sicht an, welche jenen Anhängern, von denen er erzählt, tatsächlich eigen ist. Genaugenommen wäre alles andere aber unlautere Verharmlosung.

Bestätigt ,American History X.' damit Neonazis? Züchtet er sie gar? Der Film feiert nicht Gewalt, er zeigt, wie Gewalt in den Köpfen gefeiert wird. Und er verschweigt nicht ihren Eros. Das halten wir gerade hierzulande schwer aus. Das eigentliche Problem des Films - Tony Kaye hat es selbst in seinem Protest benannt - liegt in der Dramaturgie. Es fehlt eine starke schwarze Gegenfigur, man nimmt Edward Norton die Wandlung im Gefängnis nicht ab, und mit dem Schluß, dem sinnlosen Mord durch ein schwarzes Kid, fängt der Haß wieder von vorne an. Was die Gewalt angeht: Sie mag gerade in der Anfangsszene obszön sein. Es ist kein Zufall, daß man dies Filmen, deren Schauplatz weit jenseits unseres Innenlebens liegt, kaum übelnimmt.