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Äthiopien, Nord-Kenia
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Von:achim-schmitt@web.de
An:Reisemail
Datum:Saturday, April 20, 2002 1:15 PM
Betreff:"You, You, You"

Jambo!

lange Zeit haben wir uns nun nicht gemeldet - und das aus gutem Grund. Seit wir in Wadi Halfa im Sudan angekommen sind, hatten wir naemlich die Zivilisation nach europaeischen Masstaeben verlassen (mit kurzer Unterbrechung in Khartoum). Nun hat sie uns wieder zurueck, die Zivilisation, da wir in Nairobi, Kenya, angekommen sind. Aber in Kuerze von vorn:

Recht schnell haben wir den wunderbaren Sudan hinter uns gelassen. Getrieben hat uns dabei die sengende Hitze. Da man ohnehin nichts unternehmen konnte, entschlossen wir uns, schnellstmoeglich das aethiopische Hochland zu erreichen. Aber wir kommen wieder, hier gibt's noch viel zu sehen!

Tanken in ÄthiopienNach Khartoum genossen wir 200km Asphalt und dann fuer etliche 100km nicht mehr. Ich sage Euch, inzwischen wissen wir, wie man auf Pisten faehrt, zumindest wie man durchkommt und nichts ernsthaftes passiert! Schotter, Erde, steile Anstiege, Graeben und Wasserdurchfahrten haben uns in Aethiopien erwartet und wir haben alles glimpflich ueberstanden und auch die Motorraeder sind ohne ernsthafte Problme durchgekommen. Und auch die Aethiopier haben uns erwartet: mit dem staendigen Kindergeschrei "You, You, You" im Nacken faehrt man durch dieses Land. Meine bisherigen Vorstellungen von Verhaltensweisen der Menschen haben sich als nicht ausreichend erwiesen. Was man in Aethiopien, insbesondere als auffaelliger und weisser Motorradfahrer erlebt, uebersteigt wohl die ueblichen europaeischen Masstaebe. Es faellt schwer bzw. ist oft einfach unmoeglich zu ergruenden, was die Leute neben Neugier und Armut tatsaechlich bewegt, wenn einen 50 oder 100 Augenpaare anglotzen, nur weil man tankt. Das Land hat viele Einwohner, schon jetzt zu viele. Das bedeutet auch, dass man manchmal 100km fahren muss, um einen Platz zu finden wo niemand ist und man in Ruhe eine Pause machen kann. Die darf aber nicht laenger als 5 Minuten sein, so lange dauert es, bis man entdeckt und umringt wird.

Andererseits ist dieses Land landschaftlich so ziemlich das schoenste, was ich bisher in meinem Leben gesehen habe. Dadurch das ein grosser Teil des Landes auf einer Ebene ueber 2000m liegt, ist das Klima sehr angenehm. Zudem wird das Land durch das Rift Valley geteilt. Dadurch ist es landschaftlich extrem vielfaeltig: von quasi alpinen Regionen ueber Regenwaelder bis hin zu Savannen und Wuesten findet man alles. Entsprechend abwechselungsreich ist auch die Tierwelt.

Nachdem wir uns auf die Hochebene auf 2500m hochgeschleppt hatten, sind wir zunaechst nach Gonder den hiesigen Honigwein probieren. Sehr sueffig, nach totaler Abstinenz im Sudan. Weiter ging's dann an den Lake Tana, ein riesiger See aus dem der Blauer Nil nach Norden fliesst. Ein Vogelparadies ohne Gleichen und ein traumhaftes Plaetzchen zum Campen. Und den Abstecher zu den Blue Nile Falls, die wirklich beeindruckend sind, haben wir uns auch nicht entgehen lassen. Entgehen lassen haben wir uns dagegen die beruehmten Felsenkirchen von Lalibela. Hier mussten wir den Schotterpisten Tribut zollen - wir haten einfach keine Lust, fuer die Kirchen einen 300km langen Umweg (=2-3 Tage) ueber Schotter in Kauf zu nehmen. Der gemeine Aethiopien- Tourist (ja, den gibt es auch, warum auch nicht), fliegt solche Strecken.

In Addis Ababa haben wir unsere Magenverstimmungen auskuriert und das angenehme Klima auf 2700m Hoehe genossen - ansonsten bietet die Stadt nicht allzu viel. Deshalb sind wir weiter gen Sueden vorbei an wunderschoenen Seen, in den Bale National Park. Der Park umfasst eine Alpin-Region, die bis zu 4.400m hoch ist und ein paar Tiere, die es nur hier gibt. Den Berg- Nyala, eine Art Riesen-Hirsch mit Korkenzieher-Hoernern, haben wir massenweise gesehen, den Simien-Fox, eine Art Fuchs auf langen Beinen, haben wir dagegen nur einmal gesehen. Er ist recht desinteressiert an uns vorbeigewatschelt. Nach einer viertaegigen Zwangspause durch eine Magen- /Darmentzuendung von Susi sind wir dann durch den Park auf einer tollen Piste. 4100 m haben wir erreicht und unsere Motorraeder hatten leichte Luftprobleme... Da oben wachsen tatsaechlich noch skurrile Palmen, unglaublich!

Aber jetzt die Preisfrage: warum wachsen hier in der Gegend noch bis ca. 3300 m Hoehe riesige Baeume und in Europa ist die Baumgrenze schon bei ca. 2200m? Am waermeren Klima allein kann es nicht liegen, sonst muessten hier auch auf ueber 4000m noch Baeume wachsen. Ueber Theorien oder gar professionelle Antworten waere ich sehr verbunden!

Nach ein paar wundervollen Tagen im Gebirge und 3 Tagen Rueckfahrt zur Teerstrasse sind wir dann gen Moyale, zur kenyanischen Grenze gebraust. Also landschaftlich ist Aethiopien ein Juwel und es gibt massenhaft zu entdecken. Wir hier hinfaehrt, muss allerdings (neben guter Ausruestung) einen grossen Sack voll guter Nerven fuer den Umgang mit den Menschen hier mitbringen. Zwar trifft man viele freundliche Menschen, aber bei weitem nicht alle sind Weissen gegenueber freundlich gesonnen. In einigen Gegenden wird man gern mal mit Steinen beworfen und gebettelt und geglotzt wird permanent. "Mister, give me a lot of money." sprach mich mal einer an und das haette mich bald vom Motorrad gehauen! Zu seinem Glueck stellte sich heraus, dass er kein Wort mehr Englisch konnte als diese 7...

Zu dieser Situation haben leider die internationalen Hilfsprojekte nicht unwesentlich beigetragen, die wohl nicht alle sonderlich hilfreich waren und durch die viele Menschen gelernt haben, das Weisse nur dazu da sind, um etwas kostenlos abzugeben.
Von einigen Leuten, die hier leben, wir auch die Zukunft Aethiopiens aeusserst duester beschrieben. Die 60 Mio. Bevoelkerung wird sich voraussichtlich bis zum Jahre 2020 verdoppelt haben. Die eigene Landwirtschaft kann aber bereits jetzt nur noch in guten Jahren die Bevoelkerung knapp ernaehren. Dagegen steht eine Regierung, die jeglichen Einfluss von aussen durch massive Zoelle abblockt, soweit es sich nicht um die erwaehnten Hilfsorganisationen handelt, die Spenden reinbringen. Die Aid Worker reisen dagegen oft nach2-3 Jahren frustiert wieder ab.... So viel zur politischen Lage in Aethiopien.

Die Strassenlage, die uns auf kenyanischer Seite empfing, spottete jeder Beschreibung. Diese Piste als Strasse zu bezeichnen, ist Hohn. 500km Schlagloecher, Steine, Schotter, Spurrillen und Wellblech bis einem das Hirn weich wird. In zwei anstrengenden Tagen haben wir diesen Weg hinter uns gelassen. Im Gegensatz zu einigen anderen Pisten war diese nicht unbedingt gefaehrlich, dafuer aber die unangenehmste und materialmordendste, die wir bisher hatten. Nicht umsonst haben uns einige Afrika-Erfahrene gesagt, dass dies wohl die schlechteste Piste in ganz Ostafrika ist....

Nachdem wir den sehnlich erwarteten Asphalt erreicht hatten, hatten wir bereits gut die Haelfte Kenyas durchquert. Hier im Norden gibt es allerdings nicht so viel zu sehen, die Grenzen zu Somalia und dem Sudan sind unruhig und das Fortkommen ist muehsam, weshalb dies nicht ganz so schlimm ist. Der Sueden bietet dagegen so viel, dass wir bis heute noch keinen Ueberblick haben, was wir eigentlich noch machen wollen. Massenweise Nationalparks, Berge, Seen und die Kueste will gesehen werden. Da faellt es schwer, eine kleine Auswahl zu treffen. Zudem sind wir gerade in der Regenzeit hier, wo dann die eine oder andere Aktivitaet buchstaeblich im Matsch stecken bleiben kann.

Deshalb haben wir es uns erst mal am Fusse des Mt. Kenya in der schoensten Lodge, in der wir bisher waren gemuetlich gemacht, unsere Wunden geleckt und die Motorraeder repariert (Gepaecktraeger und Boxen gebrochen, Spiegel abvibriert, Loch im Kuehler, Verkleidung gebrochen und in einer Box eine Mischung aus 250 gr. Kouskous und 500ml Motoroel entfernt... - also nix Ernstes).

Drei Tage spaeter waren wir wieder soweit regeneriert, dass wir den Mt. Kenya besteigen wollten. Der Mt. Kenya ist 5199m hoch und damit nicht zu unterschaetzen. Die letzten 200m sind zudem nur erfahrenen Bergsteigern vorbehalten. In zwei Tagen haben wir uns von 2200m auf 4250m geschleppt. Schnell haben wir dabei festegestellt, dass Motorradfahren nicht dazu beitraegt, Kondition fuer Wanderungen aufzubauen. Als wir dann am dritten Tag auf die Wanderspitze auf ca. 5000m wollten, spielte jedoch das Wetter nicht mit - Schneeregen und Nebel liessen einen Aufstieg nicht zu. Schade, so kurz vor dem Ziel. Und so haben wir uns auf den muehsamen Rueckweg gemacht, sind 32km zurueck gelaufen und konnten uns danach faktisch nicht mehr bewegen... Bevor wir also den Kili in Angriff nehmen, muessen wir noch was an der Kondition tun. Generalprobe misslungen!

Nairobi ist das Schlaraffenland, von dem man anfaengt zu traeumen, wenn man lange in armen Regionen unterwegs ist. Hier gibt's fast alles zu kaufen, insbesondere jedes Essen, was das Herz schon lange mal wieder begehrt. Also haben wir uns gut eingedeckt (sogar Muesli haben wir bekommen!) und fahren jetzt weiter nach.... ja, hm,das wissen wir eben noch nicht so recht. Vieleicht zur Kueste, vielleicht gen Westen in die Berge oder aber direkt nach Tanzania. Jedenfalls haben wir beschlossen, ungeachtet der Regenzeit in Baelde den Kili in Angriff zu nehmen und dann noch weiter bis Capetown zu fahren. Somit wird unsere Reise nun doch eine Transafrika-Tour - aber in Afrika muss man eben flexibel sein!

Wie kann es angehen, dass dieser Vorstadtverein Leverkusen Deutscher Meister wird? Kann man das noch verhindern? Was macht der Job? Truebe?
Berichtet mal!

War schon mal jemand in Kenya oder suedlich? Wenn ja, freuen wir uns ueber jeden Tipp!

Die naechste Mail kommt wieder schneller. Lasst es Euch gut gehen,
Achim

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