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Ägypten, Sudan
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Von:achim-schmitt@web.de
An:Reisemail
Datum:17.03.02 20:23:21
Betreff:Von Kairo nach Khartoum

Ein letztes "Marhaba!"

Nach rund 50 km stellen wir die Motoren ab. Ruhe. Endlich Ruhe. Wir haben den Moloch Kairo hinter uns gelassen, stehen am Rande der Wueste und sehen in den Rueckspiegeln nur noch die braungelbe Dunstglocke ueber der Stadt. Nach 2 Wochen Laerm und schlechter Luft ist dies eine wahre Wohltat.

Nachdem wir nun neue Ketten fuer viel Lehrgeld haben, geht es weiter durch die Wueste. Wir haben uns fuer diese rund 1200 km lange, geteerte Strecke und einen Umweg von 500 km entschieden, um den fundamentalistischen Moslemteil Aegyptens entlang des Nils bis kurz vor Luxor zu umgehen. Gefaehrlich ist die Strecke wohl kaum, aber nervig, da man x Konvois fahren und sich mit uebervorsichtigen, dem Englisch nicht maechtigen Polizisten runaergern muss.

Aus der Wuestenstrecke haben wir dann eine Rennbahn gemacht. Das Sudanvisum triebt uns, da wir nur noch zwei Wochen Zeit haben, um in die Hauptstadt Khartoum zu kommen. Und wenn man hier durchrast, ist alles nur bedingt spannend. Die Schoenheit der Wueste erschliesst sich nur, wenn man sich auf sie einlaesst und Zeit mitbringt. So passieren wir 4 mehr oder weniger schoene Oasen, einige faszinierende Felsen und viel wueste Gegend bis wir nach 4 Tagen den Nil und das sagenumwobene Luxor erreichen.

Hier holt uns auch der aegyptische Umgang mit Touristen wieder ein. Schnell gehen wir wieder dazu ueber, alle an uns gerichteten Hallos und How are yous zu ignorieren und zielstrebig unserer Wege zu gehen. Touristische Ueberlebensstrategie fuer Aegypten koennte man das nennen.
Wir dachten auch darueber nach, uns vier Schilder an die Brust zu kleben: "Hello!", "Germany", "Achim/Susi" und "No". Diese koennten dann direkt die ueblichen Fragen: ";Hello! Where are you from? What's you're name? Do you want...?" beantworten. Aber wir wollten nicht ebenso unhoeflich wieder Aegypter sein und haben es deshab gelassen.

Säule im Tempel von Ramses IIUnsere Wege in Luxor fuehrten uns zu all den unglaublichen Sehenswuerdigkeiten dieses Ortes: ins Tal der Koenige, zu den Tempeln in Theben und denen von Karnak und Luxor. Mit Worten ist all dies nicht zu beschreiben und vieles ist so unwirklich, dass wir oft Muehe hatten, die Bedeutung zu realisieren. Deshalb gefiel uns ein "kleines" Grab, das des Senefer (Dank an meine Mutter!), am besten. Hier konnte man noch am ehesten die Muehen und zugleich die Pracht dieser Bauwerke verstehen. Und fuer diejenigen, die nach Aegypten fahren wollen: die Light-Show im Tempel von Karnak lohnt sich sehr!
Weiter ging's mit dem ersten (und bisher einzigen) Konvoi rund 200km gen Sueden nach Assuan. Alles dazwischen liegende Sehenswerte, fiel unserem beschraenkten Aufnahmevermoegen zum Opfer.

So ein Konvoi ist zunaechst eine lustige Angelegenheit. Man braust gemeinsam mit zwei Kleinbussen und zwei Reisebussen und Polizeischutz vorne und hinten durch die Doerfer und muss sich endlich mal nicht nach dem Weg erkundigen. Nach 20km wird es dann aber ziemlich oede. Und damit das nicht so bleibt, entschied sich Susis Motorrad dafuer, so heiss zu werden, dass wir stehen bleiben muessen. Der Konvoi rauscht an uns vorbei und nur der letzte Polizeiwagen bleibt gezwungenermassen bei uns. In aller Gemuetsruhe bauen wir Susis Motorrad auseinander und fuellen Wasser nach. Susis Kuehler hat inzwischen naemlich ein paar Loecher und brauch regelmaessig Zuwendung. Das Ganze dauert eine halbe Stunde und nach ein paar Kilometern ist der Konvoi wieder eingeholt. Die mussten tatsaechlich alle warten. Allah, damit tun sich die Aegypter was an!

In Assuan quartieren wir uns dann im Hotel ein und duerfen unsere Motorraeder in den 5 m breiten Eingangsaum stellen. Ein sehr huebscher Anblick.
Obwohl wir recht muede sind entscheiden wir uns, am naechsten Morgen um 3 Uhr auszustehen und mit dem Bus zum (vermeintlichen) Hoehepunkt einer jeden Aegyptenreise zu fahren, nach Abu Simbel. 300km weiter suedlich liegen diese beiden Tempel von Ramses II und seiner Anvertrauten mitten im Nichts der Wueste. Hier darf man nicht mal mit dem privaten Fahrzeug hin und so schlaengelt sich ein unglaublicher Konvoi von vielleicht 50 Reisebussen und 50 Kleinbussen duch die Nacht. Entsprechend kommt man dort auch mit einer Horde mehrerer Hundert Touries an, die sich innerhalb von 2h die Anlage "reinziehen" und dann alle wieder im Konvoi abrauschen. Also: beeindruckend sind die Tempel schon. Aber unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen, insbesondere weil es schlicht zu voll war. Aber die technische Leistung, die gesamte Anlage samt Berg 10 km zu verstetzen, um sie vor dem Untergang in den Fluten des Assuan-Staudammes zu retten, ist unglaublich!

Die naechsten Tage verbringen wir mit ein paar netten kleinen Ausfluegen und den Vorbereitungen auf den Sudan. Mit der Faehre geht es am Montag ueber den Nasser-See. Die kleine Personenfaehre (ein deutsches Schiff!) ist, neben Flugzeugen, die einzige Moeglichkeit, legal zwischen Aegypten und dem Sudan zu reisen. Und sie nimmt bis zu 4 Motorraeder mit! Hoert sich gut an und so stehen wir am Montag morgen am Hafen direkt an der gewaltigen Staumauer und betrachten uns das Gewusel der Haendler. Ueber Stunden werden in reiner Handarbeit saemtliche Loecher des Schiffes mit Waren aller Art gefuellt. Und zu guter letzt hieven 6 starke Mann unsere Motorraeder durch die winzige Luke und stellen sie in den Flur.

Mit der ueblichen Zoll- und Polizeiprozedur verabschiedet sich nun Aegypten von uns. Und wir verlassen es mit gemischten Gefuehlen. Ein Land voller unglaublicher Sehenswuerdigkeiten und viel, viel Leben. Zu den landschaftlichen Hoehepunkten sind wir erst gar nicht gekommen. Aber zugleich ist es auch durch den Tourismus hochgradig versaut.
Als Auslaender kann man nur mit viel Verhandeln einen halbwegs annehmbaren Preis fuer alles Kaeufliche bekommen. Und das gilt bei Leibe nicht nur fuer Souvenirs. Selbst die Flasche Wasser, die man 3 mal taeglich ersteht, muss um 50-75% runtergehandelt werden. Zudem laeuft man in den Touristenregionen ohne Uebertreibung oft keine 5m ohne angesprochen zu werden. Das ermuedet. Ungemein.

Aber nach allem, was wir hoeren, soll dies im Sudan anders sein.Und bereits auf dem Schiff herrscht ploetzlich eine ganz andere Atmosphaere. Obwohl es, fuer europaeische Verhaeltnisse, recht voll ist, geht es, fuer aegyptische Verhaeltnisse, angenehm ruhig zu. Mit der Zeit komt man mit jedem , der ein paar Brocken englisch kann ins Gespraech und erfaehrt so einiges ueber den Sudan und das Leben dort.

Gegen Mittag des naechsten Tages erreichen wir Wadi Halfa, unser Ziel. Nicht gerade einladend wirken die paar mickrigen Haeuschen am Wasser, der halb untergegangene Landungssteg und die leblose Wueste drum herum. Aber nachdem unsere Motorraeder als erstes ausgeladen werden, werden wir herzlichst empfangen. Egal wo wir hinkommen, werden wir unwahrscheinlich offen, freundlich und hilfsbereit empfangen. Ploetzlich haben wir endlich wieder das Gefuehl, man kann sich mit den Leuten ganz normal unterhalten, ohne dass sie nur darauf aus sind, dass wir etwas kaufen. Und langsam passen wir unser Aegypten-Verhalten wieder einem normalen menschlichen Umgang an.

Der Sudan ist heiss, oft wunderschoen, sehr arm und hat kaum Asphaltstrassen. Letzteres sollte die Herausforderung fuer die naechste Woche werden. Bisher waren wir ja allen Offroad-Aktivitaeten weitestgehend aus dem Weg gegangen. Nun aber lagen 400km Piste vor uns, und zwar mit keinem Weg drum rum.
Unsere ersten Versuche machten wir dann auf dem Weg vom Hafen zu unserer Unterkunft. Zwei Kilometer leichter Sand liessen unseren Mut ziemlich auf den Boden plumpsen. Aber das hilft ja nix!

Am naechsten Morgen machten wir dann erst noch die notwendigen Erfahrungen mit der sudanesischen Buerokratie. Reiseerlaubnis und Registrierung waren zu erledigen. So bekommt meist einen guten Einblick in das Leben hier: z.B. gibt’s so gut wie kein Glas in Fenstern, da es hier praktisch nicht regnet. Gegessen wird morgens Fuul (gestampfte Bohnen, lecker gewuerzt,), nachmittags gibt's Fisch mit Fuul und abends die Reste vom Vor- oder Nachmittag. Das soll nicht abwertend klingen: schmeckt meist richtig gut. Aber es ist einfach.

Um 13h brannte so richtig die Mittaghitze, als wir dann endlich losfuhren. Ab hier hatten wir taeglich lockere 40-45 Grad im Schatten (und wo ist hier schon Schatten!) und schwitzen wie die Berserker in unseren Motorrad-Klamotten (aber immer eisern angelassen!).

Fuer die 400km Piste haben wir 6 Tage benoetigt, waren an 6 Abenden physisch und mit unseren Nerven ziemlich am Ende, haben unzaehlige Male die Motorraeder aufgehoben oder aus dem Sand gebuddelt und haben viel, viel gelernt.

Wie sich herausstellte, ist diese Piste eine der miestesten in ganz Afrika (so sagen Erfahrene). An Schotter, Steine und Geroell hatten wir uns schnell gewoehnt. Auch ein wenig Sand hatten wir schnell im Griff. Das sogenannte "Wellblech" ist unangenehm, aber nicht sonderlich gefaehrlich. Aber tiefer, verspurter Sand, das ist das Schlimmste, was es fuer einen Motorradfahrer gibt. Und als jemand, der nicht gerade an einer Ralley teilnimmt und zudem noch eine vollbeladene Maschine hat, ist das Durchkommen mit Umfallern, eingegrabenen Hinterraedern und Stuerzen behaftet.

Um es kurz zu machen: uns ist nix passiert. Einmal bin ich uebern Lenker geflogen und weich im Sand gelandet. Die kleine Prellung ist schon wieder weg. Susi hat dafuer schon richtig breite Schultern bekommen vom Aufheben des Motorrades. Die Motorraeder haben echt was mitgemacht, aber gut durchgehalten; keine ernsthaften Schaeden.
Aber, meine lieben Freunde, unsere Freude war gross, als wir das Teerband erreichten, welches uns die verbleibenden 300 km nach Khartoum bingen sollte.

Dies war die eine Seite dieser Strecke. Die andere handelt von Menschen und Natur. Die Sudanesen (insbesondere die Nubier) haben wir als das unwerfendste, freundlichste und angenehmste Volk empfunden, welches wir bisher kennengelernt haben. Hier gibt es kaum Hotels oder Gaststaetten. Die sind auch nicht noetig, da man staendig von irgendwem eingeladen wird. Unzaehlige Male bekamen wir Tee oder etwas zu essen, wenn wir irgendwo anhielten, um eine kurze Verschnaufpause einzulegen. Aus der kurzen Pause wurden oft 1-2 Stunden wir bekamen tolle Einblicke in das einfache aber faszinierende Leben der Menschen hier.

Inzwischen sind wir in der Hauptstadt Khartoum angelangt und versuchen uns zu erholen. Das klappt nicht so recht, da die Temperaturen tagsueber nur schwer ertraeglich sind. Auch deshalb haben wir bereits auf Ausfluege zu der einen oder anderen Sehenswuerdigkeit verzichtet und beschraenken Bewegug nur auf die Morgen- und Abendstunden. Aber das ist nicht so schlimm, da es hier sowieso nicht sooo viel zu sehen gibt.
Morgen bekommen wir (inshallah) unsere Visa fuer Aethiopien und werden dann am naechsten Tag abreisen. Und das ist gut, da wir endlich dieser Hitze entkommen. Vor uns liegen dann noch 600 km Sudan und dann beginnt der Aufstieg in das aethiopische Hochland. Ein grosser Teil des Landes liegen ueber 2000m und es herrschen entsprechend angenehmere Temperaturen.

Die letzten zwei Wochen waren die intensivsten, anstrengendsten und schoensten der bisherigen Reise. Und so naehern wir uns langsam dem "echten" Afrika, dem Schwarzen.
Die Kommunikation wird schwieriger hier unten, weshalb der naechste Bericht ein wenig auf sich warten lassen wird. Ich hoffe aber, dann auch eine Menge Post in meinem Eingangsordner zu finden.

Seid umarmt,
Achim

P.S.: Wie immer hab ich viel zu viele Fakten und zu wenig Emotionales berichtet. Deshalb zu guter letzt: Susi und ich verstehen uns praechtig!

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